Das Rennwochenende nimmt weiter seinen Lauf. Während Roman, Horst und
Stefan mit den Lauffreunden aus Neukirchen sensationell im
Karwendelgebirge vorgelegt haben, kommt mein Ziel des Jahres: der Ötztaler
Radmarathon.
Was mit einem „Ich melde mich mal an, ich bekomme da sowieso keinen
Startplatz“ im Jänner startete, endet hier, Ende August, zwischen ~5.000
Radfahr-Enthusiasten. Erst jetzt wird mir klar, was dieses Rennen für alle
leidenschaftlichen Radfahrer bedeutet. Es ist ein Mythos, für viele ein
Lebenstraum, bei diesem Rennen teilzunehmen.
Zu bewältigen sind 225 km, bespickt mit 5.500 Höhenmetern: über das Kühtai
nach Innsbruck, dann über den Brenner nach Italien zum Jaufenpass und
schließlich zurück über das mächtige Timmelsjoch nach Sölden.
Die Nervosität am Start in Sölden ist spürbar. Jetzt begreife ich erst, was dieses
Rennen ausmacht. Was für einen passionierten Trailrunner der UTMB ist oder
für die heimischen Bergsportler der Traunsee Bergmarathon, ist für alle
Rennradfahrer dieses Rennen.
Pünktlich um 6:30 Uhr wird die Startkanone gezündet. Es geht los – denkt man
zumindest. Bis sich das Feld bei mir bewegt (~ Startplatz 3.500–4.000), vergehen
rund 12 Minuten.
Als Erstes geht es rund 30 km und 500 negative Höhenmeter nach Oetz. Hier
werde ich das erste Mal positiv überrascht. Nicht nur, dass alle gefährlichen
Stellen perfekt organisiert und ersichtlich sind, auch alle Teilnehmer sind
zueinander sehr rücksichtsvoll. Vor allem merkt man bei sehr vielen die
Nervosität in einer kurzen Pause, zum Busch zugewendet 😉.
Angekommen in Oetz gilt es, die ersten 1.300 hm auf das Kühtai zu erklimmen.
Das Feld ist noch sehr eng beisammen, so muss man voll konzentriert bleiben,
um nicht selbst absteigen zu müssen oder andere zu behindern. Nach etwa 30
Minuten am Anstieg wird das Feld langsam offener. Endlich kann jeder seine
Pace ziehen und ich komme sehr gut gelaunt an vielen Mitstreitern vorbei, was
sicher auch mit meiner sehr geringen Übersetzung zu tun hat. Da ich nicht
wirklich langsamer als 10 km/h fahren kann, überhole ich hierauf schon sehr
viele Teilnehmer.
Das große Finale am Kühtai wartet aber noch auf mich. In dieser malerischen
Gegend öffnet sich das Feld und wir kommen an die Spitze des ersten Passes.
Was hier passiert, hatte ich wirklich nicht erwartet: Wie bei einer Grand-Tour-
Bergankunft stehen hier Hunderte Zuschauer und Unterstützer und peitschen
dich nach oben, als ob du gerade die Alpe-d’Huez-Etappe am Gewinnen bist.
Völlig verrückt.
Nach einer kurzen Verpflegung geht es rasant runter. Hier hatte ich auch mein
Tageshöchsttempo von 88 km/h, wobei die Profis hier bis zu 110 km/h fahren.
Völlig irre.
Zwischen dem Tal vom Kühtai in Richtung Innsbruck finde ich eine gute
Gruppe und komme relativ schnell zum Start des Anstiegs auf den Brenner.
Nach einer kurzen Pause, um die Büsche zu begutachten 😉, geht es ab auf den
Brenner.
Die durchschnittliche Steigung von 3 % ist wie gemacht für mich, so überhole
ich hier mit einer fast schon beschämlichen Leichtigkeit sehr viele Mitstreiter.
Hier treffe ich auch zum ersten Mal die zwei sympathischen Oberösterreicher
Valentin und David. Der österreichische Schmäh läuft und wir beschließen,
zusammen den Brenner zu erklimmen.
Das war sehr erfrischend, da die meisten Mitstreiter (zumeist GER) viel zu
ernst bei der Sache waren und nicht wirklich Redebedarf zeigten. Aber für
mich macht ein Rennen auch das Austauschen untereinander aus.
Den Brenner mit einer Leichtigkeit erklommen, wurde ordentlich gelabt und
dann schließlich mit Schwung in Bella Italia gezogen.
Hier wartet ein weiteres Highlight auf alle Rad-Enthusiasten: der Jaufenpass.
Dieser schöne, malerische Pass raubt jedoch vielen Mitstreitern sehr viele
Körner. Für mich jedoch war es einfach Genuss.
Ich war stets positiv und hab das Traumwetter genossen und mir selbst stets
vor Augen geführt, was für ein Privileg es ist, solche Abenteuer erleben zu
können und zu dürfen.
Fast durchwegs auf der Überholspur komme ich zur Labe, wobei hier mein
Magen etwas rebellierte. Ich konnte keine feste Nahrung aufnehmen, mir
wurde sofort kotzübel. Das Einzige, was ging, waren Gels. Aber nachdem ich
körperlich und mental noch top drauf war, nahm ich es, wie es ist: dann halt
nur noch Gels und Cola.
Die letzten Meter am Jaufenpass rauf und ab geht die Fahrt nach St. Leonhard
im Passeiertal.
Hier hatte ich einen Schreckmoment: zu schnell in eine Kurve gekommen,
Angst bekommen, Vollbremsung, sodass der Hinterreifen quer gekommen ist.
Zum Glück bin ich einen halben Meter vor der Leitplanke zum Stehen
gekommen. Jetzt spielte die Angst bei der Abfahrt mit. Ich fuhr zeitweise wie
ein Volksschüler und wurde durchgereicht. Schon ein Wahnsinn, was der Kopf
mit einem macht.
Endlich angekommen in St. Leonhard sehe ich das Schild, das von vielen als
das Schild des Scharfrichters bezeichnet wird: Timmelsjoch – 22 km.
Und jeder hier weiß, dass diese 22 km noch mit 1.700 hm gemeistert werden
müssen. Ich bin weiter positiv und fühle mich gut, deswegen: nicht
nachdenken, pedalieren!
Erst einmal zur nächsten Labstelle und dann Step by Step bis auf 2.500 m
Seehöhe treten. Das klingt nach einem plausiblen Plan, denke ich mir.
Bis zur Labstation ging noch alles voll auf. Ich fühlte mich gut und war
weiterhin sehr optimistisch. Nur die letzten ~500 hm waren dann nicht mehr
so lustig. Die Beine schwer, das Ende nicht wirklich in Sicht und in der
traumhaften Kulisse sehe ich nur gequälte Gesichter. Jetzt war selbst mir nicht
mehr zum Reden.
Ungefähr 300 hm vor dem Gipfel bekam ich noch einmal einen Lachflash. Ich
musste an all das Erlebte denken und fand den Gedanken so amüsant, dass
sich hier Tausende Mitstreiter raufquälen und sogar noch dafür zahlen.
Am Timmelsjoch angekommen kommt erst einmal ein großer Jubelschrei und
ein, was ich im Laufe des Tages gelernt habe, lautes:
ALLLEEEZZZ!
Jetzt nur noch die Abfahrt überstehen, den kleinen Gegenanstieg von 150 hm
zur Passstelle und dann ab nach Sölden, wo mich die Familie schon erwartete.
Nach 10 h und 19 Minuten war das Abenteuer Ötztaler Radmarathon für mich
vorbei. Und was für ein Abenteuer das war!
Erst jetzt verstehe ich, warum das für viele Mitstreiter das Rennen ihres
Lebens ist.
Als eigentlich passionierter Trailrunner kann ich dieses Event allen, die es mit
dem Rennrad ernst meinen, wärmstens empfehlen. Top organisiert,
traumhafte Strecke und Eindrücke, die man ein Leben lang nicht vergisst. Wie
anfangs erwähnt, weiß ich jetzt, warum dieses Rennen ein Mythos ist.
Das Rennen hat mich wieder für neue Herausforderungen motiviert.
Wahrscheinlich eher auf den Trails dieser Welt als auf dem Bike – aber wir
werden sehen.
Rock on
David
